Namensgebung

Wie die Schule zu ihrem Namen kam

Erinnerungen des Leiters (1972-1988) der Friedrich-Hecker-Schule
Oberstudiendirektor a.D. Fred Henk

Im Herbst des Jahres 1987 erhielt die Schulleitung eine Aufforderung ihres Schulträgers, des Rhein-Neckar-Kreises, dem Hause durch Beschluss der Schulkonferenz einen Namen zu geben. Dieser Name sollte unverwechselbar und, wenn möglich, eng mit der Region verwurzelt sein. Auch könnte eine bedeutende Persönlichkeit als Namensgeber in Frage kommen.
Wir waren damals über dieses Ansinnen einigermaßen verwundert, firmierte doch die Schule seit mehr als 3 Jahrzehnten unter dem Namen „Zentralgewerbeschule Sinsheim“ ohne Beanstandungen. Diese Bezeichnung hatte in den fünfziger Jahren die damalige Schulleitung in Übereinstimmung mit dem Kreistag des Landkreises Sinsheim gewählt, nachdem alle außerhalb Sinsheim noch existierenden Filialen der Schule im Landkreis aufgelöst und an einem Schulort, eben Sinsheim, zusammengefasst worden waren.
Allerdings hatte unsere vorgesetzte Behörde, das Oberschulamt Karlsruhe, seit geraumer Zeit diesen, unseren Schulnamen als wenig aussagekräftig und verbesserungswürdig moniert.
Das Kollegium wurde alsbald über diese Aufforderung des Schulträgers informiert, und es begann sofort eine engagierte Diskussion sowie eine akribische Suche nach einem attraktiven Schulnamen.
Natürlich war es spannend und keineswegs leicht, hierbei fündig zu werden, waren doch alle Namen, welche mit der Landschaft oder bekannten Persönlichkeiten der Region irgendwie zu tun hatten, längst von anderen Schularten besetzt.
Im gewerblichen Sektor gab es Werner-von-Siemens-, Carl-Benz- und Rudolf-Diesel-Schulen im ganzen Lande. Auch Albert-Schweitzer, der Universalgelehrte, war bereits zum beliebten Namensgeber erkoren.
Nach kurzer Zeit kam ich im Laufe der Suche auf Friedrich Hecker, den Mannheimer Rechtsanwalt und Abgeordneten der Zweiten Badischen Kammer in Karlsruhe. Hecker vertrat in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts entschieden den Liberalismus und forderte schließlich die deutsche Republik. Die Abschaffung von Fürstenwillkür sowie die Einführung von weitgehenden Bürgerrechten waren weitere Ziele seiner Politik.
Dieser Mann war nun in meinen Augen ein echter deutscher Patriot, und er stammte aus der Region. Hecker wurde im Jahr 1811 als Sohn eines Rentamtmannes in Eichtersheim, unweit von Sinsheim, geboren, und keine Schule trug nach unserem Wissen seinen Namen. Viele Jahre später hat OStD Siegfried Daubenschmidt eruiert, dass das Gymnasium in Radolfzell am Bodensee im Jahr 1998 ebenfalls nach ihm benannt wurde. Für mich war somit klar, er war der richtige Namensgeber für unsere Schule.
Hecker war zudem nicht nur eine regional bedeutende Persönlichkeit, sondern in Baden, Deutschland, Europa, ja weltweit ob seines Kampfes für Bürgerrechte und Liberalismus wohlbekannt. Man kann deshalb ohne Übertreibung sagen, er hat Geschichte geschrieben.
Gleich nach Bekanntgabe meines Vorschlages zeigten sich eine Reihe von Kollegen, darunter auch sehr verdienstvolle und enge Mitarbeiter, nicht bereit, Friedrich Hecker als einen potentiellen Namensgeber anzusehen. Für sie war er ein „Revolutionär“ und deshalb nicht geeignet, der Schule, an der sie unterrichteten, seinen Namen zu geben.
Ich akzeptierte natürlich andere Meinungen in der Sache, entschloss mich aber trotzdem, in einer ersten Dienstbesprechung meinen Vorschlag zu präsentieren und zur Abstimmung zu stellen. So geschah es, und mein Kandidat wurde ohne große Diskussion mit klarer Mehrheit abgeschmettert.
Bei dieser Diskussion stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass der größte Teil der Kollegenschaft über Friedrich Hecker, sein Leben und vor allem aber über seinen Kampf für Demokratie und Bürgerrechte kaum informiert war.
Nach dieser negativen Erfahrung schwor ich mir, die Kollegen eingehend über Hecker zu informieren. So stellte ich allen eine gut geschriebene Broschüre über ihn, herausgegeben vom Bürgermeisteramt Eichtersheim, dem Geburtsort von Friedrich Hecker, zur Verfügung.
Zuvor hatte ich natürlich um die Nennung weiterer passender Namenskandidaten gebeten.

Nach einem zeitlichen Abstand wurde von mir im April 1988 eine zweite Konferenz zu dem Thema angesetzt, mit dem Hinweis, dass ich dort wiederum Friedrich Hecker als Namensgeber vorschlagen werde, zusammen mit anderen noch zu findenden Persönlichkeiten.
Inzwischen wurden auch neue Kandidaten aufgetan, welche aus dem Raum Sinsheim stammten oder dort gewirkt hatten. Diese Persönlichkeiten waren mir nicht bekannt, ich fand auch niemand, der mir über sie Auskunft geben konnte. Unter ihnen war der Geograph Friedrich Ratzel (1844 bis 1904) sowie der Naturwissenschaftler August Karolus (1893 bis 1972), beide ehemalige Professoren an verschiedenen Universitäten.
In der entscheidenden Sitzung der Gesamtlehrerkonferenz zur Namensgebung des Hauses stellte ich dann wiederum Friedrich Hecker dem Kollegium als geeigneten Namensgeber vor. An den Mienen der Kollegen glaubte ich diesmal schon während meines Vortrages eine gewisse Zustimmung zu meinen Worten ablesen zu können. Offenbar hatten sich die Meinungen zu Gunsten meines Kandidaten inzwischen geändert.
Die entscheidende Abstimmung brachte dann doch eine klare Mehrheit für Friedrich Hecker. Diesem Votum mussten schließlich noch die Schulkonferenz und der Kreistag des Rhein-Neckar-Kreises zustimmen, was denn auch umgehend ohne Gegenstimmen geschah.
Am 29. Juni 1988 wurde ich nach Ablauf meiner aktiven Dienstzeit in den Ruhestand verabschiedet. Dabei überreichte mir Kreisverwaltungsdirektor Albert Wiest vom Rhein-Neckar-Kreis in feierlicher Form die Verfügung des Kreistages, wonach die bisherige Zentralgewerbeschule Sinsheim von diesem Tag an

hieß. Das ist nun schon 17 Jahre her und die Schule hat unter diesem neuen Namen ihren guten Ruf im Lande weiter gemehrt.

Anlässlich des 200. Geburtstags unseres Namensgebers Friedrich Hecker, haben sich die Lehrer der Friedrich-Hecker-Schule entschlossen dem Förderverein "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegung in der deutschen Geschichte e.V." beizutreten. Dort wird das Andenken an Friedrich Hecker bewahrt und seine Leistungen werden gewürdigt.